Langenwetzendorf. Manang, ein kleines Bergdorf, hoch oben im Annapurna Massiv. Thomas Taut schält sich in klirrender Kälte aus seinem Schlafsack. Er benötigt dringend Hilfe, will er das Ziel des Yak Attack, des höchsten Mountainbike-Rennens der Welt, erreichen. Und dabei steht die härteste der insgesamt acht Etappen, die über den Thorong La Pass, noch vor ihm. Doch an diesem Morgen im Himalaya hat er andere Sorgen, ein Steinschlag hatte die Schaltung seines Mountainbikes demoliert. Thomas Taut hatte sein Mountainbike tags zuvor schultern müssen, per Pedes erreichte er das Etappenziel.

 

Nach einer kalten Nacht in einem Ziegenstall machte er sich auf den Weg zum örtlichen Schmied, er fand ihn und der Nepalese half ihm. Mit primitiven Mitteln brachte er das Metall zum Glühen und richtete die Schaltung, nahm überschwänglich seinen Lohn entgegen, ließ sich mit dem Fremden fotografieren. Ein Bild für die Ewigkeit, für ihn und auch für Thomas Taut. Für den 37-Jährigen sind es diese kleinen Episoden, die den Reiz der abenteuerlichen Mountainbike-Tour in Nepal ausmachen: Mit Gleichgesinnten eine extreme Tour bewältigen, Land und Leute kennen lernen.

 

Doch er gibt auch zu: "Klar, wollte ich unbedingt auch ankommen", sagt er. Als 17. ist er es im Feld der vierzig Unentwegten. Die Herausforderung sei nicht allein die Strecke von 400"Kilometern gewesen, da hat er auf seinen Touren durch und über die Alpen, quer durch Europa schon weitaus länger im Sattel gesessen.

 

Die Herausforderung war die Höhenlage, die Kälte, es ging bis auf minus 25 Grad hinunter. Der erwartet harte Brocken war die Überquerung des Thorong La-Passes, der höchste ganzjährig begehbare Pass der Welt auf zirka 5500 Höhenmetern. Dass er sein knapp zehn Kilogramm schweres Mountainbike zum höchsten Punkt der Etappenfahrt hätte schultern müssen, sei ihm klar gewesen. Doch als er den dreistündigen Aufstieg in klirrender Kälte hinter sich hatte, traute er seinen Augen nicht.

 

"Schnee. Schnee, der um diese Jahreszeit hier nicht liegen sollte." Also erneut das Rad in Querfeldein-Manier gepackt und talabwärts getappt. "Man bewegt sich wie im Zeitlupen-Tempo", sagt er. Jeder Schritt kostet Kraft, sehr viel Kraft. Die Höhe fordert ihren Tribut, Kopfschmerzen, erste Anzeichen der Höhenkrankheit.

 

Das hätte nicht sein dürfen. Rund ein Jahr hatte er sich auf die Extremtour auf dem Dach der Welt vorbereitet, war 8000 Kilometer und 160"000 Höhenmeter über Stock und Stein gestrampelt, hatte in einer Druckkammer im Höhentrainingszentrum in Jena die Bedingungen, die ihn beim Yak Attack erwarten würden, simuliert.

 

Und bis auf die Passquerung sei er mit den Gegebenheiten in Nepal gut zurecht gekommen. Dabei hat der Ostthüringer nicht einmal eine leistungssportliche Vergangenheit. Komplett unsportlich sei er zwar nicht, in der Jugend war er Motocross-Fahrer. Doch danach, über die Jahre, legte er an Gewicht zu, wog bei einer Körpergröße von 1,75 m 103 Kilo. Zu viel, viel zu viel. Er fühlte sich nicht mehr wohl in seiner Haut, gesundheitliche Probleme kamen hinzu. Er entschloss sich, etwas zu ändern, stellte die Ernährung um, begann zu Laufen. Erst schaffte er gerade einmal einen halben Kilometer. Woche für Woche lief es besser. Das war 2009.

 

Fünf Jahre später und 35 Kilo weniger hat er das Mountainbiking für sich entdeckt. Auf seinen ausgedehnte Touren findet er Erfüllung: "Ich komme zu mir, habe meinen Ausgleich zum Beruf gefunden". Die Yak Attack in Nepal sieht der Langenwetzendorfer als seine bisher härteste Prüfung. Von Katmandu aus führten die ersten vier Etappen zum AnnapurnaMassiv hin, wo das Rennen erst richtig begann.

 

Thomas Taut fand in Nepal seinen Rhythmus, lenkte sein Mountainbike stetig in die Höhe. Taut kam ohne Hänger durch, er nahm die Strapazen gern auf sich. Zudem kam er als einer der wenigen ohne gesundheitliche Probleme durch, die meisten Starter plagte der Durchfall. "Ich habe mich fast komplett selbst versorgt, die hygienischen Bedingungen inNepal sind nicht mit den unseren zu vergleichen", sagt er. Glücklich und zufrieden sei er nach den acht Etappen ins Ziel gefahren. Schlicht und einfach die Zieleinfahrt, eine Wohltat das Bad in einer heißen Quelle.

 

Nach einer 28-stündigen Reise kam er am Sonntag bei seiner Familie in Langenwetzendorfan und schlief erst einmal 15 Stunden wie ein Stein. Nach vier Tagen Stillstand nahm er gestern seine erste Mountainbike-Tour über 30 km in Angriff. Am Abend sichtete er Fotos, will in der Grundschule seiner Tochter einen kleinen Vortrag halten, die Bilder von der grandiosen Landschaft zeigen und auch nicht die ärmlichen Verhältnisse in der Region aussparen. Jeder könne sich ein Bild machen, jeder für sich entscheiden, was ihm wichtig ist.