Es scheint schlechterdings nicht vorstellbar, dass Versender Zalando oder dessen Partnerunternehmen KS Cycling (Schalow & Kroh GmbH in Wuppertal) eine Teststellung so abgewickelt hätten, wie sie für 253,43 Euro lieferten. Für aktive Rennradler bedarf es, ganz abgesehen vom Preis nur eines Blicks auf die Papierform dieses angeblichen Rennrads, um zu erkennen, dass es keines ist, sondern allenfalls ein wenig danach aussehen will.


Aber lassen wir zunächst die Werbung auf den Seiten von Zalando im Internet sprechen, und zwar wortwörtlich: „Das Rennrad Euphoria mit 28-Zoll-Laufrädern ist das ideale Gefährt – egal ob Einsteiger, Freizeitfahrer oder Wiedereinsteiger. Hier passt alles zusammen: Das frische, sportliche Design ziert nicht nur den Aluminiumrahmen. Sattel und auch Felgen fügen sich nahtlos in den Racing-Look ein, der mit dem roten Lenkerband abgerundet wird.“ Die ungeschminkten technischen Daten zu diesem Versprechen in der Reihenfolge ihres Auftretens: „Schaltwerk: Shimano RD-A 050, 1 1/8“ Ahead-Steuersatz, Aluminium-Hohlkammer-Aerofelge, 1 1/8“ Ahead-Renngabel, Gewicht: ca. 12,5 kg, Prowheel Aluminium-Kurbeln mit 2 Kettenblättern, Quando Aluminium-Schnellspannnaben vorn und hinten,Stahl-/Kunststoffpedale mit Haken und Riemen, Radgröße: 28 (622 mm), Aluminium-Rahmen mit auswechselbarem Schaltauge, Aluminium-Rennbremse, 1 1/8“ Aluminium-Ahead-Vorbau,M-Traxx Rennreifen 23-622, Aluminium-Patentsattelstütze Ø 27,2 mm, Anzahl Gänge: 14.“ Und ein letztes Zitat: „ – wird zu 85% fertig montiert geliefert, eine fahrfertige Endmontage ist von einer fachkundigen Person auszuführen.“

Schnellspanner nur im Vorderrad
Das kann man wohl sagen. Aus dem Karton kommen die Teile des Rades wie auf dem Foto zu sehen mit Kabelbindern aneinandergebunden und zwischen den Speichen ineinander verkeilt – sicherlich nicht zum Vorteil der Laufräder. Schon ein flüchtiger Blick zeigt: Ein Schnellspanner existiert nur im Vorderrad, die Hinterradnabe ist mit 15er-Achsmuttern befestigt – ein Unding bei einem Straßenrennrad. Achsmuttern waren schon out, als Diamant in den dreißiger Jahren sein Modell 67, das „Berufsfahrerrad“ auflegte. In rund einer Stunde ist das Euphoria fertig aufgebaut – allerdings sind die Fehlstellung der Vorderradbremse (der linke Bremsgummi radiert über die Reifenflanke) und die mit bloßem Auge erkennbaren Höhen- und Seitenschläge beider Laufräder noch nicht behoben. 12,95 Kilogramm zeigt die Kofferwaage – mit Rückstrahler, Front- und Speichenreflektoren, aber ohne die Klingel. Die würde mit ihrer engen Schelle nur ans Lenkerquerrohr passen. Aber da sind die Schalthebel im Weg.


Vor der Endmontage: Lieferzustand
Die schießen den Vogel ab: zwei Wippen rechts und links neben dem Vorbau, plump aus Kunststoff gefertigt. Der linke Hebel bewegt die Kette vorn auf den beiden Kettenblättern. Das funktioniert, zwar nicht schnell, aber es funktioniert. Die rechte Wippe soll die Kette rastend über die hinteren Ritzel bewegen. Das ist zum einen schwer dosierbar, denn der Hebel liegt in dieser seltsamen Position auf dem Lenker nicht intuitiv in der Hand. Die Schaltbewegung verläuft nicht ergonomisch. Außerdem wechselt das Schaltwerk die Gänge nicht einwandfrei rastend, unter Belastung schon gar nicht. Entweder kann man selbst die Schaltung justieren oder den Gang zum Fahrradhändler antreten. Ob der bereit ist, einem die Schaltung an einem „Versandrad“ zu richten, und was er dafür verlangt, bleibt fraglich. Und mit 14 Gängen mutet das Euphoria geradezu anachronistisch an.

Schwerfällig wie ein Traktor
Was für ein schweres Rennrad! Da es mehr wiegt als „Rennräder, deren Gewicht nicht mehr als 11 kg beträgt“, wie es in der StVZO heißt, gelten die in Paragraph 67 stehenden lichttechnischen Ausnahmen nicht für das Euphoria. Muss noch ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass der billige rote Rückstrahler weder normgerecht ist noch sich wie vorgeschrieben anbringen lässt – wenigstens nicht mit der mitgelieferten Schelle?

Nicht nur schwer ist das Euphoria, es ist auch schwerfällig wie ein Traktor. Am verwunderlichsten erscheint, dass es überhaupt fährt – ohne alles Rennradfeeling. Als Zielgruppe für dieses Billigstangebot denken wir an den Ersttäter, der zunächst einmal Rennradluft schnuppern möchte. Gerade für den aber sind die Schalthebel eher ein Sicherheitsrisiko als eine Bequemlichkeit. Zum Schalten muss man mit einer Hand an die Mitte des Lenkers greifen. Hochschalten auf das große Blatt und auf kleinere Ritzel oder umgekehrt das Herunterschalten am Berg erfordern gleich zweimaliges Loslassen des Lenkers. Zum Bremsen dagegen muss man an die Vorderseite des Rennlenkers greifen. An einem Rennrad sollten auch im niedrigsten Preissegment kombinierte Brems-/Schalthebel Standard sein. Über die Pedale mit Haken und Riemen wie anno dazumal könnte man noch hinwegsehen, auch der Sattel ließe sich leicht austauschen. Aber die Bremsen! Sie sitzen schief, ihre Wirkung ist minimal. Starkes Gefälle, gar eine Passabfahrt würden wir mit ihnen niemals in Angriff nehmen. Auch brenzlige Situationen im Straßenverkehr mag man sich nicht näher ausmalen.

Seltsam: Schalthebel in der Lenkermitte
Ein Einsteiger kann sich auf diesem Rad nur wundern, was am Rennradfahren eigentlich so viel Spaß machen soll, und wird es wohl schnell bleiben lassen. Für jemand mit nur ein wenig Ahnung ist das Euphoria sicherlich von vornherein indiskutabel. Wir waren beide regelrecht erleichtert, es wieder abstellen zu dürfen – für immer. Nicht einmal verschenken kann man es guten Gewissens. Und noch eine Nebenwirkung hat die Bestellung bei Zalando: Tagelang nervt der Versender auf fremden Websites mit seiner Werbung – für noch billigere „Rennräder“.

 

Zum Artikel in der FAZ