Worin besteht der Mehrwert von Carbon Laufradsätzen?

Profi-Rennradfahrer verwenden sie und Hersteller behaupten es gibt einen signifikanten Zeit- und Leistungsvorteil aber heißt das auch, dass ein Laufradsatz aus Carbon sein Geld wert ist? Wenn es beim Smalltalk auf das Thema Upgrades kommt, denken viele Radler sofort an einen neuen Laufradsatz (LRS). Tatsächlich, gibt es viel mehr Kunden, die nach LRS fragen als für jede andere Komponente am Fahrrad und sie sind meistens sehr gut informiert. Es kommt einem fast so vor als wären die Laufräder für ein Rennrad was die Flügel für ein Flugzeug sind.

Carbon Laufräder

Wenn man das Wachstum des Marktes für Laufräder betrachtet, scheinen viele Radsportler ihrem Wunsch nach einem geeigneten Laufradsatz auch nachzugeben. Auf dem Thron dieses Marktes hockt, wie ein exotischer Edelstein, der Laufradsatz aus Carbon. Das ultimative Upgrade, welches den gleichen Leistungsschub für einen Rennradfahrer verspricht, wie die Nitro-Flasche für den Rennfahrer. Aber das ganze hat natürlich seinen Preis und trotzdem wächst auch das obere Ende des Marktes stetig. Mit der Zeit kommen auch preiswertere Alternativen auf und man fragt sich, ob die Industrie sich weigert Aluminium für Felgen aufzugeben, genau wie es bei Rahmen aufgegeben bzw zumindest reduziert wurde. So unwahrscheinlich es sich auch anhören mag aber wie viele Fahrer hätten denn vorhergesehen, dass alle Rahmen im Hochleistungssegment mal aus Carbon sein werden? Vor zwanzig Jahren war Carbon einfach noch viel zu teuer, enorm schwer zu verarbeiten und einfach nicht verlässlich genug.

Die Räder die damals den Weg zum Carbon geebnet haben, waren die Lightweight Obermayer.

Der Wert - Wenn man dem Hype glauben schenken will.

Glaubt man dem Markting Hype so liegt der Wert eines Carbon LRS im Gewicht und der überlegenen Aerodynamik. Die Gewichtsreduktion durch Carbon ist wohlbekannt und lässt sich leicht demonstrieren. Das Material wurde in der aktuellen Ära des aerodynamischen Laufraddesigns eingeführt. Betrachtet man mal die Campagnolo Shamals aus den 90ern, sie waren 40mm groß und wogen 1980g und wurden trotzdem als Durchbruch in der Aerodynamik gefeiert. Heutzutage sind die Räder viel höher und das Gewicht ist teilweise schon deutlich unter 1500g gefallen.

Carbon in natura gibt es zwar nur in einer Farbe aber man findet eine große Auswahl an Finishen durch die Verwendung unterschiedlicher Decklagen.

Ein weiterer Vortein von Carbon ist die Verarbeitung. Führende Aerodynamik Firmen haben windschnittige Designs entworfen und in Windtunneln getestet. Findiges Marketing hat dann viele Fahrer mit einem Grundverständnis von Aerodynamik ausgestattet und zusammen mit harten Fakten wurden dann der Widerstand und Verzögerung verschiedener Felgen in eine Kaufentscheidung einbezogen.

Felgen und Räder aus Carbon haben auch eine erstaunliches Festigkeit-Gewicht-Verhältnis. Wir kennen alle die Leistung von Carbonrahmen und wissen daher, dass Carbon extrem steif sein kann. Carbonräder sind noch einmal extra steif, um eine geringe Speichenzahl zu erlauben. Gleichzeitig, können Carbonlaufräder aber auch eine sanftte und angenehme Fahrt ausmachen. Sie sind Gramm für Gramm besser als Aluminium.

Geringes Gewicht, bessere Aerodynamik und Festigkeit je Gewicht, diese Eigenschaften sind von enormen Wert wenn es um die Leistung eines Rennrades geht. Aber ab welchem Punkt sind Carbonlaufräder überteuert?

Die Nachteile von Carbon Rädern

Man sollte aber auch über die Nachteile von Carbonlaufrädern sprechen: hohe Räder geben aerodynamische Vorteile in günstigen Umständen aber sie rauben dem Radfahrer auch sein Selbstbewusstsein, oder schlimmer die Kontrolle über sein Rad, wenn es zu Kreuzwinden kommt. Klar, solche Hightech-Räder sind nicht gerade anpassungsfähig. Zusätzlich, gilt die versprochene Reduzierung des Widerstandes nicht in alle Windrichtungen. Kleine Veränderungen in der Fahrtrichtung können zu einer großen Auswirkung des Widerstandes der Räder führen. Man zweifelt nicht an den Daten aus Windkanälen und anderen Tests aber man fragt sich schon wie gut man das auf die Straße übertragen kann. Da hat man nicht das stark kontrollierte Umfeld, welches die Wissenschaftler benutzen. Man muss bedenken, dass große Variationen in Geschwindigkeit und Richtung dazu führen, dass es schwer wird die aerodynamischen Vorteile von Carbonlaufrädern zu zeigen. Mit anderen Worten: der Unterschied ist oftmals so klein, dass er nur messbar wird wenn alle anderen Faktoren ausgeschlossen werden. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass kaum ein Wissenschaftler etwas misst ohne möglichst alle anderen Faktoren auszuschalten. Vieles wird auch nur am Laufrad und nicht an einem Bike gemessen. Geschweige denn mit einem Fahrer drauf. Bontrager hat den Unterschied im aerodynamischen Widerstand untersucht, den eine Fahrrad am Rad macht. Sie haben einen hoch aerodynamischen Zeitfahrrahmen benutzt und fanden heraus, dass die Ersparnis erhalten, bzw. verstärkt werden kann, wenn sich der Winkel des Windes verändert. Es bleibt aber natürlich offen, ob das auf alle Fahrräder zu trifft oder nur ein Einzelfall gewesen ist. Unterm Strich muss man davon ausgehen, dass es sich bei dem Effekt, der von Herstellern versprochen wird um ein Maximum handelt.

Mittlerweile ist es fast normal für Laufradsätze Warnaufkleber zu haben, egal ob Aluminium oder Carbon.

Es ist schon ein wenig amüsant, dass ausgerechnet die Carbon-Felgen, die auf Geschwindigkeit getrimmt sind, eine schlechtere Bremsleistung haben als Standardfelgen aus Legierungen.
Hersteller haben hart daran gearbeitet die Bremsleistung zu verbessern und langsam kommt man in die Nähe von Metallfelgen. Trotzdem kommt es bei langen, steilen Abfahrten mit heftigem Bremsen immer wieder zu einem Reifenplatzer durch Überhitzung. Einige Firmen haben einen speziellen Bremsbelag entwickelt, um Hitzeentwicklungen entgegen zu wirken. Das Problem bleibt bestehen und ein paar US Rennen mit Massenstart verbieten den Gebrauch von Carbon Laufrädern. Wer weiß wie lang das noch tragbar sein wird. Mit den Bremsflanken aus Basalt, wie sie bei den Harlekin Laufradsätzen verwendet werden, gibt es jedoch keinerlei Probleme, da dieses Material eine sehr schwache Hitzeentwicklung durch Reibung zeigt. Jedoch sollten bei allen Carbonlaufradsätzen spezielle Bremsbeläge auf Korkbasis verwendet verwendet werden.

Was ist nun mit der Stärke und Haltbarkeit von Carbonlaufrädern? Nach mehr als zehn Jahren Produktion von Carbonrahmen gibt es kaum Zweifel an deren Qualität. Wie auch immer, das Material ist anfällig für Schläge jeglicher Art. Schaut man sich das Marketing einiger Hersteller bezüglich des Materials an, fällt auf, dass kaum jemand die Stärke der Carbonfasern anpreist. Wenn es Daten dazu gibt, so werden sie anscheinend zurückgehalten. Zipp unterstreicht die Verwendung von Kevlarverstärkungen für die Kanten der Schlauch Felgen (Carbon Bridge) und benutzt weiterhin gewebte Carbonfasern anstelle der am restlichen Rad verwendeten uni-direktionalen Fasern. Auch die Speichenlöcher werden damit Verstärkt. Enve dagegen fügt die Speichenlöcher in die Felgen ein, um diese zu verstärken. Man weiß nicht, ob diese Techniken wirklich halten was sie versprechen aber diese Details sind es was die Spreu vom Weizen trennt.

Früher wurden viele Carbon Laufräder im Schrank gelagert bis es zum Rennen ging. Da kann man natürlich argumentieren wie viel Nutzen man hat, wenn die LRS mehr Zeit im Keller verbringen als am Rad aber es ist immerhin ein großes Preisschild an diesen Rädern. Heutzutage hat man auf die meisten Laufräder aus Carbon (natürlich auch auf unsere) mehrere Jahre Garantie. Dann braucht man die Teile auch nicht zu schonen.

Abschlussgedanke

Leichtmetall-Laufräder können nicht die selbe Kombination aus Gewicht, Festigkeit und Aerodynamik bieten. Aber sie haben immer noch ein besseres Preis-Leistungsverhältnis. Die Erfahrung sagt, dass man immer das bekommt, wofür man zahlt. Deswegen gilt auch bei Carbonlaufrädern, dass es sich lohnt zu investieren.