Seinen Humor hat Jonathan Vaughters nicht verloren, was angesichts der Skurrilität der Chose auch angebracht scheint. "Gesucht: Fahrradmechaniker mit Doktortitel in Elektrotechnik und/oder Düsenantrieb. Höchst vertrauliche Arbeit. Muss fließend Kanadisch sprechen."

So twitterte der Chef des Profiradteams Garmin-Sharp, nachdem in sozialen Netzwerken diese Woche eine bizarre These die Runde machte: Dass Vaughters' Fahrer Ryder Hesjedal, 33, während der laufenden Spanien-Rundfahrt nämlich womöglich einen unerlaubten Motor in seinem Rennrad versteckt hat.

Als Beleg für die steile These dient ein Video, das inzwischen Hunderttausendfach geklickt worden ist. Zu sehen ist darin, wie Hesjedal auf der siebten Etappe der Vuelta auf einer Abfahrt in einer Linkskurve zu Fall kommt. Der Kanadier rappelt sich auf, doch als er sein Rennrad greifen will, dreht dieses sich plötzlich – quasi wie fremdangetrieben – um die eigene Achse (sehen Sie hier das Video). Zu allem Überfluss wurde es außerdem von einem Begleitmotorrad überrollt.

Die renommierte französische Sportzeitung "L'Equipe" berichtete ebenso über den Vorgang wie die spanische "Marca" und andere Medien. Erinnerungen werden wach an den Fall Fabian Cancellara. Wochenlang wurde vor 2010 über ein YouTube-Video diskutiert, das vermeintlich nahelegt, der Schweizer wäre bei seinen Erfolgen bei der Flandern-Rundfahrt sowie bei Paris–Roubaix, von einem Motor im Fahrradrahmen angetrieben, davongeschnurrt.

Dopage mécanique? Elektrodoping? Der Weltverband UCI mietete damals zur Tour de France im Juli eigens einen angeblich 52.000 Euro teuren Scanner. Mit dessen Hilfe wurden die Fahrradrahmen der Profis durchleuchtet. Gefunden wurde – nichts.

 

Selbst die UCI-Kontrolleure schienen "peinlich berührt"

 

Aufgescheucht durch die öffentlichen Verdächtigungen, rückten Kommissäre der UCI auch jetzt aus, um die Causa Hesjedal aufzuklären. Nicht ohne Süffisanz berichtete Garmin-Sharp-Sportdirektor Bingen Fernández, wie die Kontrolleure am Donnerstag vorbeischauten: "Ich schätze, sie waren selbst beinahe peinlich berührt. Aber sie kamen trotzdem vorbei und haben einen Blick drauf geworfen."


Ryder Hesjedal findet die Mini-Affäre um sich „ein bisschen lächerlich“
Foto: pa/Roth/AugenklickRyder Hesjedal findet die Mini-Affäre um sich "ein bisschen lächerlich"

 

Im Team taugte die kühne Story fabelhaft zum Amüsement der Fahrer. Hesjedal selbst – einst ein Adjutant von Lance Armstrong bei US Postal und geständiger früherer Epo-Nutzer – findet seine ungewollte Verwicklung in diese skurrile Randgeschichte einerseits "lustig. Aber andererseits ist es auch wieder nicht so lustig, dass Nachrichtenagenturen so ein Zeugs verbreiten".

Einen Motor jedenfalls habe er "ganz sicher nicht" in seinem Rennrad versteckt, sagt der Giro-d'Italia-Sieger von 2012. Das Ganze sei "ein bisschen lächerlich. Es lohnt sich fast nicht, darüber zu sprechen." Bei einem motorisierten Fahrrad sei es schließlich die Kurbel, die angetrieben werde. Dreht sich die Kurbel nicht, das Hinterrad aber sehr wohl, sei das nicht Unnormales.

 

Fabian Cancellara: "Der Motor, das bin ich"

 

Zu Hilfe kommt dem Kanadier Alex Rasmussen. In einem eigenen Video demonstriert der dänische Radprofi, wie die scheinbar unnatürliche Bewegung eines auf dem Boden liegenden Rennrads zustandekommen kann (sehen Sie hier das Video).

 

Wie sagte Fabian Cancellara 2010 zu dem – am Ende entkräfteten – Verdacht, er hätte einen Motor in der Sattelstütze versteckt? "Le moteur, c'est moi." Der Motor, das bin ich. "Kein Grund, etwas anderes zu scannen als meine Beine!"