Fatbike-Harztour im Dezember © Lauter

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung – und manchmal auch das falsche Fahrrad. Das wissen auch Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad, und Walter Lauter, begeisterter Extremradfahrer. Um grobe Patzer auf ihrer kommenden Tour durch Norwegen zu vermeiden und um ihre Packliste zu optimieren, waren Fehlau und Lauter kürzlich bei Schnee und Minustemperaturen über Nacht im Harz unterwegs: ein Testlauf für ihre Fahrt von Oslo nach Trondheim Anfang Januar. Dann wollen sie in sieben Tagen 600 Kilometer und 15.000 Höhenmeter über den Pilgerweg Olavsvegen fahren.

Für Rennradfahrer klingen die Städtenamen Trondheim und Oslo magisch. Das Straßenrennen vom Norden Norwegens in den Süden ist für Langstreckenfreaks legendär. Am längsten Tag im Jahr fahren Tausende Rennradfahrer die 550 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden Städten mit 2.370 Höhenmetern auf asphaltierten Straßen. Die Schnellen sind 13 bis 14 Stunden unterwegs; wer länger als 38 Stunden braucht, scheidet aus.

Fehlau und Lauter standen dort bereits am Start. Doch Langdistanzrennen mit Versorgungsstationen und Zeitnehmern haben für die beiden den Reiz verloren. Wenn es so etwas gibt wie eine Wissenschaft des Fahrradfahrens, dann haben die beiden alle gängigen Stadien bereits durchlaufen. Neue Herausforderungen suchen sie sich seit Jahren selbst.

Ganz oben auf ihrer Best-of-Liste standen in den vergangenen Jahren Selbstversorger-Touren. Am liebsten irgendwo im Nirgendwo der Wildnis. Auf schmalen Wegen, wo man selten Menschen begegnet und man Selbstgespräche führt, um wenigstens einmal am Tag eine menschliche Stimme zu hören.

 Mit der Ausrüstung startet Gunnar Fehlau in Norwegen © Lauter

Ihr aktuelles Vorhaben nennen sie Trondheim-Oslo – the wrong way. Der Name passt in zweifacher Hinsicht: Lauter und Fehlau fahren die Strecke nicht nur vom Süden nach Norden, sondern sie sind dann unterwegs, wenn die Dunkelheit am längsten dauert. Wenn der Schnee sich türmt und die Temperaturen nachts gerne zweistellig unter den Gefrierpunkt sinken.

Perfekt verläuft ihre Tour für sie, wenn sie draußen übernachten können. Natürlich ohne Zelt. Das ist zu schwer und mindert das unmittelbare Naturerlebnis. Jedoch haben die beiden ein Tarp dabei, ein segelförmiges Tuch, das Schnee oder Wind abhalten kann. Außerdem ist eine Schaufel im Gepäck, mit der sie eine Schneehöhle bauen können – das Luxushotel für Extremradler.

Bei aller Vorbereitung ist Lauter und Fehlau allerdings klar: Letztlich legt das Wetter ihre Route fest. Ihr Plan sieht vor, 100 Kilometer pro Tag zu fahren. Im Sommer wäre das ein Klacks. Dann fährt Lauter auch gerne mal 600 Kilometer am Stück, nicht weil er muss, sondern weil es ihm Spaß macht.

Im Januar müssen sie neben Kälte und Schnee zusätzlich noch 15.000 Höhenmeter meistern. Wie kräftezehrend und zeitintensiv das Fahren unter solchen Bedingungen trotz faustdicker Reifen sein kann, hat ihnen kürzlich ihr Harz-Trip gezeigt.

Mit Fatbikes im Harz

Sturm Xaver war gerade weiter gezogen, als Lauter und Fehlau sich mit Freunden und ihren Fatbikes am frühen Freitagabend am Rand des Harzes trafen. Ihr Tagespensum war überschaubar: Rund 45 Kilometer waren es zum Brocken. Dort wollten sie unter freiem Himmel übernachten.

 Walter Lauter (rechts) fährt auch in Norwegen mit Kopflampe © Lauter

Es war dunkel. Im Lichtkegel ihrer Scheinwerfer und Kopflampen sanken leichte Flocken zu Boden. Zwei Zentimeter hoch lag der Neuschnee in den Seitenstraßen. Auf dem Waldweg wurde der Schnee schnell tiefer. 10, 20, streckenweise bis zu 30 Zentimeter hoch lag er. “Bis zur Scheibenbremse versanken die Räder im Schnee”, erzählt Fehlau.

Nebeneinander fahren war oft unmöglich. Einer spurte, die anderen vier folgten ihm. “Spuren ist brutal anstrengend”, sagt Fehlau. Seine Pulsuhr zeigte 350 Watt, wenn er die Truppe anführte. Da fließt schnell der Schweiß – doch gerade das gilt es bei Minustemperaturen zu vermeiden. Um Kraft zu sparen, machten die fünf es wie die Rennradfahrer: Sie kreiselten. Der erste fuhr 400 bis 500 Meter den Neuschnee platt, dann ließ er sich zurückfallen und der zweite führte die Gruppe an.

 Zeitweise mussten die fünf im Harz schieben © Lauter

Die Kunst des Radfahrens unter Extrembedingungen liegt nicht nur in der Fahrtechnik, sondern vor allem in der richtigen Kleidung. Lauter schwört auf Zwiebeltechnik, und Fehlau sagt: “Man muss sich beim Fahren häufiger umziehen und alles dafür tun, dass man nicht schwitzt.” Auch aus diesem Grund findet er Schlaufen oder Bänder an Reißverschlüssen extrem hilfreich. Damit kann man trotz Handschuhen zum Beispiel das Belüftungssystem an Jacken oder Gepäck gut öffnen und verschließen.

Ein leidiges Thema bei Wintertouren sind kalte Füße. Fehlau trägt dünne Socken, darüber ein paar wasserdichte Trekkingsocken und dann je nach Bedarf weitere Socken. Am Ende schlüpft er in absolut wasserdichte Schuhe. Dann sind die Füße zwar nass geschwitzt, wenn er die Schuhe auszieht, dafür aber mollig warm. Man brauche nicht unbedingt wasserdichte Socken, “eine dicke Plastiktüte tut es auch“, sagt er. Wichtig sei, dass der Schweiß nicht in das Futter gelangt, denn dann friert er nach dem Ausziehen schnell ein.

Nach fünf Stunden Fahrzeit hatte die Gruppe im Harz laut Tacho 27 Kilometer zurückgelegt. Bis zum Brocken war es mit weiteren rund 20 Kilometern zu weit. Die nächste Schutzhütte war dagegen nur einen Kilometer entfernt. Die Entscheidung fiel leicht. Ein Dach über dem Kopf zu haben, fanden alle verlockend. Nach weiteren 30 Minuten hatten sie den Unterstand erreicht.

Die offenen Seitenwände in Fensterhöhe verschlossen sie mit ihren Tarps. Das hielt den fallenden Schnee ab. Aber der Boden in der Hütte war bereits schneebedeckt. Keine Chance, den Schnee von den Schuhen zu bekommen. Die sollten in einer Tüte mit in den Schlafsack. Eine Erkenntnis: Für die Norwegen-Tour will Fehlau eine kleine Bürste einpacken, um den Schnee richtig von den Tretern fegen zu können. Dann dürfen sie mit in den Schlafsack und sind am Morgen warm und trocken.

 Nachtlager in der Schutzhütte © Lauter

Ob Fehlau und Lauter auf dem Olavsweg 100 Kilometer am Tag schaffen werden, ist fraglich. Im Idealfall werden sie langsam, aber kontinuierlich im Flow durch den Schnee rollen. Bei zu viel Neuschnee haben sie einen Plan B. Ist der Pilgerweg unpassierbar, werden sie auf den Pilgerradweg ausweichen. Rollt es auch dort schlecht, wechseln sie auf Nebenstraßen – und schlimmstenfalls auf die Bundesstraße E6, die herkömmliche Route Trondheim-Oslo. “Wir müssen uns nichts beweisen”, sagt Fehlau. Schließlich wollen sie wieder nach Hause zurückkehren und, wie Fehlau sagt, “mit allen Zehen”.

erschienen auf dem Blog velophil