Das Doppelkammer-Reifensystem

Mit weniger als einem Bar Reifendruck pannenfrei durch gröbstes Gelände!Mit diesem vollmundigen Versprechen präsentieren die Firmen Schwalbe und Syntace eine Neuheit, die den Mountainbike-Markt revolutionieren soll. Es handelt sich um ein System, welches im Reifeninneren zwei Luftkammern realisiert, die getrennt voneinander einmal mit hohem und einmal mit niedrigem Luftdruck aufgepumpt werden. Sinn der Sache soll sein, über zwei unterschiedlich starke Luftpolster Fahrkomfort, Traktion und Pannensicherheit zu erzeugen. Drei Eigenschaften, die bei bisherigen Systemen stets nur mit einem Kompromiss zu vereinen waren.

Unter abfahrtsorientierten Nutzern von Schlauchlossystemen dürfte der schmale Grad zwischen bestmöglicher Traktion durch geringen Luftdruck und der damit einhergehenden Gefahr von Luftverlust durch “Burping” – Wegknicken des Reifens auf der Felge bis zur Undichtigkeit am Felgenhorn – wohl bestens bekannt sein. Neben einer verbesserten Traktion wirkt sich ein geringer Luftdruck auch auf den Fahrkomfort sowie den Rollwiderstand im Gelände positiv aus, doch wächst gleichermaßen die Gefahr von Durchschlägen und irreparablen Felgenschäden. Das Doppelkammer-System von Schwalbe und Syntace soll die Vorteile des geringen Luftdrucks weiter ausbauen, die damit einhergehenden Gefahren fürs Material jedoch minimieren.

Da sich das System derzeit noch im Entwicklungsstadium befindet, war man beim Presse-Camp in Spanien sehr darauf bedacht, es beim Fahreindruck der anwesenden Medienvertreter zu belassen. Einen Blick ins Innere des Reifen gewährte man uns nicht, weshalb wir über den Aufbau lediglich spekulieren können. Der streng unter Verschluss gehaltene Aufbau des Doppelkammer-Systems dürfte wohl eine Art “Mini-Schlauch” sein, der sich dank fester Struktur trotz hohem Innendruck nur bis auf eine vorgegebene Größe ausdehnen kann. Dieser “Mini Schlauch” – sofern unsere Vermutung zutrifft – sitzt in einem Schlauchlosreifen, wodurch sie im Reifeninneren zwei Luftkammern ergeben.

Vorteile des Systems

Ein zweites Luftpolster schützt die Felge vor Beschädigungen durch Durchschläge.Drückt man den Reifen ein, so fühlt es sich von außen so an, als würde besagter Schlauch, der wohl etwa die Hälfte des Volumens eines Schwalbe Magic Mary-Reifens einnimmt, die Reifenwulst kraftschlüssig unter das Felgenhorn drücken. Dieser hohe Anpressdruck im Inneren dürfte es ein, der besagtes “Burping” eliminiert. Hinzu kommt der Schutzfaktor, den das zweite, weitaus stärkere Luftpolster im Inneren bietet. Obwohl sich der Reifen bei einem ausreichenden Reifendruck von 1 Bar stark verformt, schützt die darunter liegende Luftkammer die Felge vor Schäden, da Schläge vom äußerst hart aufgepumpten “Mini Schlauch” bzw. dem zweiten Luftpolster aufgefangen werden sollen. Diese Gegebenheit schützt auch den Reifen vor Beschädigungen.

Notlaufeigenschaften

Sollte es unerwarteterweise doch einmal dazu kommen, dass die äußere Luftkammer durch einen Defekt an Felge oder Reifen Luft verliert, soll die zweite Luftkammer immer noch gute Notlaufeigenschaften bieten. Nicht nur, dass sich das Rad dank der zweiten Luftkammer unter akzeptablem Rollwiderstand weiterfahren lässt, auch rutscht der Reifen weder auf, noch von der Felge. Das System gewährleistet somit auch bei einem Platten eine gute Kontrolle sowie – und das ist nicht zu unterschätzen – volle Bremstraktion.

Fahrdynamik

All das sind Faktoren, die den Fahrer pannenfrei durchs Gelände bringen sollen. Das System bringt zusätzlich jedoch auch einen fahrdynamischen Vorteil mit sich: Aufgrund der Massenverhältnisse eines Mountainbikes leidet die Fahrdynamik nicht gerade geringfügig an den ungefederten Massen der Federelemente. Wie die Entwickler von Schwalbe und Syntace zu Protokoll gaben, konnte man im Zuge der Entwicklung beweisen, dass der Reifen stets das erste Bauteil sei, das bei einem Schlag ansprechen würde. Es sei sogar so, dass der Reifen oftmals bereits wieder ausgefedert wäre, bevor die Federelemente auf die einwirkende Kraft reagieren könnten. Diese Begebenheit hätte maßgeblichen Einfluss auf unseren Fahrkomfort sowie die Fahrdynamik.

Ein Reifen, der dank des Schutzes einer zweiten Luftkammer mit sehr geringem Luftdruck gefahren werden kann, soll also Unebenheiten erheblich besser abfangen können als Federelemente unter aktuellen Gewichtsverhältnissen. Die Thematik geht sogar so weit, dass man über die zweite Luftkammer die Federkennlinie des „Federelementes“ Reifen anpassen würde, so die Aussage der Entwickler. So würde sich die sonst sehr lineare Kennlinie dank des verkleinerten Kammervolumens zu einer progressiven Kennlinie wandeln, was dem Dämpfungsverhalten des Reifens sehr zuträglich sei.

Schwalbe und Syntace – gemeinsam zum Ziel

Die Vorteile des Systems scheinen vielfältig und versprechen eine der größeren Revolutionen in der jüngeren Geschichte der Mountainbike-Entwicklung zu werden. Dass diese Neuheit das Ergebnis einer Kooperation zweier namhafter deutscher Firmen ist, kommt nicht von ungefähr: Beide Seiten waren wohl unabhängig voneinander schon seit längerer Zeit damit beschäftigt, ein System dieser Art zu entwickeln. Auf Seiten von Syntace gelang das dem freien Mitarbeiter Oliver Zuther, der mit einem fertigen, selbst entwickelten System an Syntace herantrat, um sein Projekt in Serie zu bringen. Als Syntace und Schwalbe erfuhren, dass man auf beiden Seiten dieselben Ziele mit der gleichen Lösung in Angriff nahm, entschloss man sich die Kräfte zu bündeln, um gemeinsam schneller ans Ziel zu gelangen.

Markteinführung

Wie man uns beim Pressecamp in Spanien mitteilte, wird sich das System in die Schwalbe-Produktpalette eingliedern und auch über das Vertriebssystem des Reifenherstellers an den Mann gebracht. Preise stehen bisher nicht fest, doch zeigten sich beide Seiten optimistisch, das derzeit noch im Prototyp-Stadium befindliche System zur Eurobike final präsentieren zu können. Das Mehrgewicht pro Laufrad wird derzeit noch mit 200 Gramm angegeben.

In der MTB-News.de-Redaktion verfolgt man die Entwicklung eines solchen nun von Schwalbe und Syntace präsentierten Systems schon seit Längerem gespannt. Umso spannender war es nun, ein solches System erstmals einem Praxistest zu unterziehen. Da es den Umfang dieses Artikel sprengen würde, möchten wir euch unsere Praxiseindrücke in Kürze in einem zweiten Teil schildern.

Weitere Informationen

Auf dem aktuellen Entwicklungsstand richtet sich das System ganz klar an Enduro- und All-Mountain-Biker, die auf Schlauchlossysteme setzen. Aber auch im Downhill-Sport soll das System zum Einsatz kommen – erste Tests habe das System bereits erfolgreich gemeistert. Zwar wollten sich die Schwalbe-Mitarbeiter nicht zum aktuellen Entwicklungsstand im Downhill-World Cup äußern, so ist aber stark davon auszugehen, dass Steve Smith und andere Schwalbe Pro-Rider bereits 2013 auf diesem System diverse Erfolge im World Cup erzielten.

Vergleicht man die Bilder von Smiths Devinci Downhill-Bike mit denen der Testräder vom Product-Launch in Malaga, so dürfte einem die Anordnung der beiden Ventile auffallen. Während die Ventile bei den Test-Laufrädern noch nebeneinander angeordnet waren, so möchte man sie zukünftig, wie am Bike von Smith zu sehen, in einem Abstand von ca. 30 Grad auseinandersetzen, um die Schwächung der Felge durch das zweite Ventilloch möglichst gering zu halten. Wie der Markt die Umsetzung des zweiten Ventillochs annehmen wird, bleibt derzeit abzuwarten. Als Entwickler des Systems ist bei Syntace aber davon auszugehen, dass Syntace-Felgen ab Werk mit der zweiten Bohrung ausgeliefert werden.

Wie schnell andere Felgenhersteller auf diese Innovation reagieren werden, wollte oder konnte man uns seitens Schwalbe derzeit nicht verraten. Es ist aber davon auszugehen, dass es vorerst in der Hand des Kunden liegt, sich das zweite Loch selbst zu bohren, wobei der Garantieverlust anfangs in Kauf zu nehmen sein wird. Bei Schwalbe zeigt man sich jedoch fest davon überzeugt, dass sich dieses System schnell durchsetzen wird und alle gängigen Hersteller eine Lösung finden werden, ihren Kunden die Nutzung des Systems zu ermöglichen.

Besonders erfreulich ist auch, dass weder Syntace noch Schwalbe das „Nachrüstprodukt“ an ihre bestehenden Produkte binden wollen – so bleibt der Kunde frei in der Entscheidung, das Doppelkammer-Luft-System gegebenenfalls mit anderen, dafür geeigneten Felgen und nahezu allen Schlauchlos-Reifen zu kombinieren.